Mein Bac


Wenn der geneigte Leser zu einer deutlich jüngeren Generation als der Autor dieses Textes gehört, dann mag ihm dieser bekannte Werbespruch, der den Deutschen die Achselhygiene näher brachte gar nicht mehr vertraut sein, der Autor jedoch hat ihn aus seinen Jugendtagen noch gänzlich in seinem Dreiprogrammeröhrenfarbfernsehererinnerungschublädle, einhergehend mit der gänzlich grusligen kindlichen Vorstellung von einem in der Familie verwendeten Einzeldeo, das sich alle teilen sollen und teilen wollen sollen.

Jetzt, denkt man vielleicht, kommt bestimmt ein Text über die Körperhygiene bei bestimmten Mithobbyisten, aber mitnichten sollte man unvermeidliche Dinge, die doch selbstverständlich gelöst sein sollten, eigentlich auch einfach mit einer großzügig applizierten Seifenlauge und Bac oder Bac-Nachfolgern zu lösen wären, über Gebühr behandeln, man darf und sollte dem ganzen sogar durchaus, wenn man jemand ist, der in da in einen Mangel hineingerät und olfaktorisch herausgefordert wird, aus dem Weg gehen, und die Ursachen meiden. Nein, vielmehr soll es hier darum gehen, was für eine Art Bac man denn nutzt, und ob jetzt nun mein Bac auch wirklich Dein Bac ist, also der Frage nachgegangen werden, ob mein Hobby auch Deins ist.

Als Warnung sei vorangestellt, daß das alles nur funktionert, wenn man zum einen in der Lage ist, sein eigenes Handeln zu hinterfragen, andererseits sich auch selbst etwas kritisch zu betrachten vermag, idealiter sozusagen aus einer Drohnenperspektive. Am Anfang steht die Frage, die man sich stellen sollte, um sich selbst in der Hobbylandschaft verorten zu können, nämlich warum man das alles überhaupt macht. Es gibt da oft keine gänzlich klare Antwort, bei den meisten wird es ein Mischmasch verschiedenster Motivationen sein. Es gilt jedoch zu berücksichtigen, daß nicht das, was man am häufigsten tut, auch das ist, warum man das Hobby betreibt.

Ein Beispiel: Kevin-Rüdiger bemalt viermal wöchentlich abends Figuren oder bastelt, und verbringt damit in der Woche etwa 10 Stunden Hobbyzeit. Spielen hingegen kann er mit seinem einzigen Tabletop-Kumpel Jeremy-Quentin nur einmal im Monat, denn Jeremy-Quentin hat nicht so viel Zeit, er hat auch noch andere Hobbies und geht jede Woche noch zum Kegeln, auf den Aquarianerstammtisch, zum Magickartenspielen und hängt Samstag abends immer mit seinen Freunden vor einer Tankstelle herum und protzt mit seinem auf 270 PS chipgetunten Opel Corsa mit Vierpunktgurten. Kevin-Rüdiger fasziniert aber eigentlich hauptsächlich das Spielen am Hobby, doch spielt er eben nur etwa drei Stunden im Monat. Mangels Spielmöglichkeit bastelt und malt er aber sehr viel mehr als er spielt, und ein unbeteiligter möchte nun meinen, wenn er das so sieht, daß der Kevin-Rüdiger eben ein Bastel- und Malfan sei, dabei macht er das in diesem Ausmaß nur, weil er eben etwas tun möchte, das zumindest ein Teil seines Hobbies ist, und während er dann bastelt und malt, davon träumt, seine neuen Schöpfungen baldmöglichst ins Gefecht zu werfen, und sie einsetzen zu können. Kevin-Rüdigers intrinsische Motivation, also seine aus sich selbst heraus kommende Motivation, das Hobby zu betreiben, ist seine Freude am Spiel, am Schlachten schlagen. Er wird aber extrinsisch, also von außen, durch den Mangel an Spielpartnern, motiviert, sehr viel Zeit mit einem Aspekt des Hobbies zu verbringen, der gar nicht seine eigentliche Leidenschaft ist. Wir sehen an diese Stelle nun auch, daß das Hobby eigentlich gar kein so geschlossenes Ding ist, sondern daß es gute Gründe dafür gibt, zu sagen, daß es eigentlich mehrere Hobbies sind, die sich aber bei bzw. in den meisten Hobbyisten zu einem Konglomerat zusammenfinden – jedoch ist da drin sozusagen die Größe und Farbe der einzelnen Steine, also die persönliche Gewichtung der verschiedenen Hobbybestandteile, letztlich individuell mit graduellen, oft auch deutlichen Unterschieden zusammengemischt. Die Zeit, die man den einzelnen Teilen widmet, spiegelt aber nicht notwendigerweise die Bedeutung wider, die die einzelnen Teile für einen haben mögen.

Aber was sind diese Hobbysteinchen in unserem Hobbykonglomerat, das als „Tabletop“ firmiert, nun eigentlich? Eine versuchte Auflistung könnte in etwa so aussehen, alldieweil die Motivation freilich auch einfach sein könnte „Ich spiel mit dem Kevin Rüdiger immer, wenn ich ärger mit meiner Freundin Lilliane-Sophie habe, damit ich nicht daheim rumhängen muß, da kommt mir der Kevin-Rüdiger gerade recht, der hat ja immer Zeit dafür.“, alles kann man da nicht berücksichtigen:

A) das Spielen an sich,
B) der Modellbau,
C) das Bemalen,
D) das Sich-mit-den Regeln-beschäftigen (auch als „Listhammer“ bekannt),
E) der Hintergrund an sich,
F) selbst kreativ mit dem Hintergrund arbeiten (z.B. Artwork oder Texte erstellen etc.),
G) mit Freunden, die „das Hobby“ ernster nehmen als man selbst, gesellig Zeit verbringen, weil man sie mag, und deshalb auch mitmacht.

Vermutlich ließe sich diese Liste noch erweitern, und der Autor freut sich hierzu über Vorschläge seiner Leser. Betrachtet man diese Liste, fallen zwei Dinge auf, nämlich erstens, daß entlang dieser Linien oft ein kleines Konfliktpotential herrscht, und zweitens, daß diese Gruppen oft auch einen eigenen Habitus entwickelt haben. Man denke hier beispielsweise etwa an diejenigen, die auf einem sehr hohen Niveau Figuren bemalen, und einen Jargon und auch ein Bewertungssystem entwickelt haben, welche sich dem durchschnittlichen Hobbyisten nicht mehr ohne weiteres erschließen, oder an die „Listhammerer“, die in Diskussionsgruppen Texte verfassen, die zu einem Großteil aus Abkürzungen bestehen, die dem Durchschnittsspieler nicht geläufig sind. Der Habitus dieser Gruppen begründet auch manchmal eine elitäre, abgrenzende Denkweise ihrer Mitglieder, die dann ihr persönliches Sub-Hobby für das goldene Vlies halten, und meinen, sie alleine hätten vom Baum der Erkenntnis genascht. Man könnte hier noch trefflich über das sogenannte „gatekeeping“ schreiben, aber das führt letztlich zu weit vom eigentlichen Thema weg.

Festhalten lässt sich aber, daß diese Verhaltensweisen auf diejenigen, die eine andere Priorisierung im Hobby haben, oft unsympathisch oder arrogant wirkt. Setzt man sich hin, und legt sich selbst auseinander, was die ureigene Motivation sein mag, aus der heraus man das Hobby betreibt, was genau einem daran die meiste Freude macht, dann kann man sich in der Folge in dem Wirrwarr verorten, man weiß also z.B., „ich mache das ja hauptsächlich wegen des Malens“, und in der Folge auch bei anderen versuchen, zu erkennen, in welchen Hobbybereich die wohl hineingehören, und somit dann eben auch sein Umfeld verorten. Man lernt so also, welches mein Bac ist, und welches Dein Bac ist.

Das birgt einen großen Vorteil: Jetzt ist man in der Lage, andere Ansichten zu bestimmten Dingen und andere Wertigkeiten anderer Personen im Hobby einzuschätzen, und kann auf diese Art und Weise natürlich auch möglichen Konflikten präventiv entgegentreten, wie das folgende Beispiel illustrieren soll: Bonita-Aline spielt ihrem Lebensabschnittsgefährten Olaf-Tyson zuliebe seit nunmehr fast vier Jahren Warhammer Kill Team. Aus ihrem anfänglich sehr skeptischen Herangehen hat sich mit abnehmender Liebensleidenschaft in ihrer Beziehung zu Olaf-Tyson eine langsam gewachsene aber nun tiefe und innige Zuneigung zum Bemalen ihres Genräuber-Kultes herausgebildet, die vor zwei Jahren darin gipfelte, daß sich Bonita-Aline auch eine ganze Space-Marine-Armee für Warhammer 30.000 (Horus-Häresie) zulegte, weil auch sie mitbekommen hatte, daß das das schönste System mit dem schönsten Hintergrund überhaupt ist, und natürlich weil ihr die Malgrundlage ausging. Sie hat zahlreiche Bemaltutorials angesehen, einen Anfänger- und einen Fortgeschrittenen-Wochenend-Bemalkurs besucht, und kürzlich dank viel Fleiß auf zwei lokalen Spielewochenenden einmal den ersten und einmal den zweiten Platz in der Kategorie „Beste Einzelminiatur“ erhalten. Natürlich spielt sie auch gerne, ist mit den Regeln vertraut, und auch mit dem Hintergrund des Warhammer 40.000-Universums und der Horus-Häresie. In ihrer Hobbywelt ist der zentrale Faktor aber das Bemalen von Miniaturen. Olaf-Tyson zuliebe ist Bonita-Aline auf einem Spieleevent, denn Olaf-Tyson ist dort schon länger angemeldet, und es gab aber eine ungerade Spielerzahl, so daß er Bonita-Aline überzeugen musste und konnte, mitzukommen. Bonita-Aline steht nun Steven-Marvin am Spieltisch gegenüber. Steven-Marvin ärgert sich fürchterlich darüber, daß Bonita-Aline für ihren Spielzug immer etwas länger braucht, als er, daß sie öfter mal eine Regel nachschlagen muß, daß sie ihre Figuren mit viel Überlegung und langsam bewegt, außerdem kichert sie ab und zu, und bringt dem Spiel nicht den unbedingt notwendigen Ernst entgegen. Schließlich geht es hier doch um etwas, der Verlauf einer ganzen Kampagne wird hier entschieden! Steven-Marvin spielt schon seit 30 Jahren Warhammer 40.000 und seit 10 Jahren Horus-Häresie. Er ist ein Spieleveteran, spielt in der Regel drei bis vier Gefechte in der Woche, und kennt alle Regeln aus dem Effeff. Steven-Marvin hat sich keine Gedanken gemacht, wie denn Bonita-Alines Hobby aussehen mag, und geht davon aus, daß ihres mit seinem identisch ist. Er ist zusehends gestresst von Alina-Bonitas ungenügender Hobbyliebe, und fühlt sich nicht ernst genug genommen, wird etwas pampig und unfreundlich. Bonita-Alina hingegen hat sich Gedanken gemacht, und festgestellt, daß ihr Gegenüber einen anderen hobbyschwerpunkt hat als sie selbst. Aber sie ist in einer schlechten Situation: Obwohl sie sich Mühe gibt, schnell zu spielen, und auf Steven-Marvins Hobbymodus einzugehen, kann sie es schlichtweg nicht, da ihr die Erfahrung fehlt, und sie dieses „Manko“ nicht ad hoc kompensieren kann. Wir sehen auch, wie sich die Situation ändern würde, wenn Steven-Marvin sich vergegenwärtigen würde, daß Bonita-Alinas Hobby nicht genau sein Hobby ist. Er könnte sich etwas entspannen, und mit ihr eine unterhaltsame Partie spielen, oder ihr z.B. dabei helfen, sich im Bereich seiner eigenen Expertise weiterzuentwickeln, ihr Tips geben, und vielleicht im Gegenzug auch ein paar Tips einsammeln, wie er seine Armee malerisch noch etwas aufpeppen könnte.

Das ist in der Quintessenz natürlich letztlich eine etwas banale Erkenntnis, wie im Abspann von „Der Sinn des Lebens“, aber gleichzeitig zeitigt sich aus der Überlegung ein praktischer Ansatz, wie man es sich erleichtert, mit anderen zurechtzukommen, die an das gemeinsame Hobby Erwartungen haben, die man nicht oder nur eingeschränkt teilt: Man überlegt sich, wo man steht, was das eigene „Ding“ ist, und versucht, das in Relation zu dem setzen, was den Mithobbyisten, mit denen man zu tun hat, besonders wichtig ist. Das sorgt für diese im Umgang mit einem selbst, und natürlich für den eigenen Umgang mit den anderen für ein deutlich harmonischeres Miteinander, besonders dann, wenn man die anderen erst kennenlernt. Wir sehen also, daß man sein Bac zwar teilen kann, aber nicht muß, und daß nicht jeder auf das gleiche Bac steht. Ganz früher gab´s die Sorten discreet, elegant, natural und dry, da war für jeden was dabei.

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